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Poesie der Bohrmaschinen, Volker Sträbel / FAZ

Instrumentales Theater von Jeremy Clarke mit "General Noise"

Wahrscheinlich war es die Bühnenmusik zu Jean Cocteaus "Hochzeit auf dem Eiffelturm" von John Cage, in der Spielzeuginstrumente Einzug in die neuere Musik fanden.
Die Partitur für eine Aufführung der Compagnie von Bonnie Bird an der Cornish School in Seattle im Jahre 1939 ist mit ihrer repetetiven "Toy Orchestra Interludes" der Tradition amerikanischer Perkussions-Orchester verpflichtet und verbindet die Erweiterung des für die Musik verfügbaren Klangmaterials mit dadaistischem Spaß. Kein Wunder, dass sich Spielzeuginstrumente in den Happenings der Fluxus-Künstler in den fünfziger Jahren großer Beliebtheit erfreuten.
Ihre zweite Blüte erlebte die Spielzeugmusik mit der Verbreitung billiger, technisch fiepender Spielsachen asiatischer Provenienz in den achtziger Jahren.
Live-elektronisch verfremdet und verstärkt boten die Plastikinstrumente üppiges Material für intellektuellen Trash. Beide Traditionsstränge greift der in Berlin ansässige Komponist und Gitarrist Jeremy Clarke mit seinen für die Gruppe "General Noise" entstandenen Musik-Performances auf. Nicht Cages akustisches Toy Piano, sondern in wenigen Presets jaulenden E-Gitarren aus buntem Plastik und Spielzeugautos mit schrillen Polizeisirenen sind seine Mittel der Wahl. Kontrastiert von den Geräuschen elementarer Klangerzeuger wie Tierknochen und Pistazienschalen, wirken die lärmenden Objekte kindlicher Begierden als Fundstücke aus dem verwirrend vielgestaltigen Universum unorthodoxer Instrumentation.
Im Dock 11 bot nun das Quintett "General Noise" zwei Abende mit kurzweiligen Musik- und Material-Performances von Jeremy Clarke. Jedes Stück hatte seine eigene Spielfläche im Raum, oftmals einen mit den jeweils genutzten Objekten übersäten Tisch. Daß bei Clarke die Auswahl der Klangerzeuger die Komposition bestimmt, fand sich so unterstrichen. Hinzukommt der visuelle Reiz dieser Objekt-Sammlungen. Vor der Performance wirken die präparierten Tische wie akustische Versprechen, nach der Performance wie einst belebte Relikte künstlerischer Aktion, darin den Vitrinen-Werken von Joseph Beuys verwandt.
Im Vergleich zu seinem Auftritt während des Raumtrieb-Festivals hat "General Noise" an szenischer Präsenz und formaler Strenge gewonnen. "escola de musica" eröffnet Miquel Gaya mit der konzentrierten Geste eines vor dem Körper langsam von der Rolle abgelösten Klebebandstreifens, ehe vor ihm auf dem Tisch liegende Spielzeuginstrumente mit electrischen Zuggeräuschen und verzerrten Gitarrenklängen zum Einsatz kamen. Sachte Klopf- und Wischgesten auf einer Styropor-Schale nehmen deren klare Rhythmik auf, Rascheln mit Sonnenblumenkernen und kleinen Muscheln überführt die perkussiven Akzente in kurze Klangbänder. Hier setzt schließlich die Tuba Toni Fiols mit statischen Luftgeräuschen ein, die schließlich in repetetiven Viertongruppen münden.
Die im Vergleich zu den Spielzeuginstrumenten gewaltige Präsenz des mächtigen Blechblasinstruments ist integraler Bestandteil dieser Musik-Performances ,die sich um Genre-Grenzen und Material-Debatten nicht scheren. Wenn das Trio "Mallorca So" mit elektrischen Zikaden und mechanischen Schafglocken die Klanglandschaft der Ferien-Insel evoziert, gehören Platzdeckchen mit der bunten Touristenkarte des geografischen Vorbildes selbstverständlich dazu. Das hier musikalische Formgebung mit der variierten Wiederholung einen plötzlich abbrechenden Vogel-Pfeifen-Crescendos etwas bemüht wirkt lässt sich verschmerzen...

...Im quirligen Umfeld des Kunst und Performance-Festivals "Raumtrieb" im Projektraum Mitte vermochte Jeremy Clarke mit den "Söhnen des Königs" für zwei Spielzeuggitarren zu sechs und acht Samples rasch das Publikum zu bannen. Sture Wechsel von Dominante und Tonika werden hier rhythmisch aufgelöst in klischeehafte Riffs, die die martialische Gewalt ihrer rockmusikalischen Vorbilder als bloße Behauptung aus Dezibel und Bühnenshow entlarven. In "Handy" für vier Spielzeughandys führten Clarke, Helmut Mittermaier und Jean Szymczak ihr von fallenden Quarten dominiertes Kangmaterial an die Grenze des Verstummens...

...Eindrucksvoll gelangen jene Performance-Stücke, in denen "General Noise" in souveräner Materialbeherrschung szenische Präsenz mit klanglicher Sensibilität zu verbinden mochten.
Jean Szymczak entlockte in "Gitarre,Plastik,Koffer" einer abgewrackten Akustik-Gitarre durch sachtes, longitudinales Streichen der Saiten eher die Idee eines Klanges denn akustisch Wirkliches, während Helmut Mittermaier in einem Handkoffer fixierte Kunststoffolien knautschte. Und das Grand Final von "General Noise I" mit vier elektrischen Bohrmaschinen, Megaphon und Knallerbsen erlag nicht der Versuchung einer wirren Materialschlacht, sondern etablierte Struktur und poetische Momente, nicht zuletzt Szymczaks Zirpen an den Drähten eines Eierschneiders.

 

Theda Weber-Lucks

für
Bayerischer Rundfunk, Nov. 2001, Abteilung Neue Musik,


Wo findet man eigentlich noch das Neue in der Neuen Musik und worin besteht es
eigentlich? Wo sind die Musiker und Komponisten in ihren Motivationen und Zielsetzungen
authentisch und unabhängig? Unter dem Eindruck der teils heftigen Kritik, wenn nicht gar
Infragestellung der Donaueschinger Tage für Neue Musik stellen sich diese Fragen noch
einmal mit ganz anderer Brisanz. Immer stärker wird der Ruf nach einer Musik, die die
Routine des immer Gleichen durchbricht. Doch solche Töne kommen nicht von jenen, die,
dem verschulten Betrieb der sogenannten Neuen Musik verpflichtet, nurmehr ihren Stil
kopieren. Das Unerwartete, Frische, Mutige - es kann nur von den Rändern kommen. Von
jenen, die weiterhin auf der Suche sind, die unbekümmert experimentieren und ihren eigenen
Klangvorstellungen folgen.

Das Neue in der Musik - wir wissen nicht wie es klingt. Doch wenn wir ihm begegnen, dann
werden wir es spüren. Es läßt uns nicht unberührt. Das waren die Gedanken, die mich bei
meinem Rundgang durch die Berliner Offkultur begleiteten.

Jeremy Clarke war einer der ersten die ich traf. Im Oktober 2000 lud der autodidaktische
Komponist, Sänger und Gitarrist zu einem happening-ähnlichen Konzert in die alte
Fabrikhalle vom Dock 11, Kastanienallee, Berlin-Mitte. Auf Tischen waren schrill-bunte
Spielzeug-Szenarien, Spielzeughandys, Wecker oder bonbonfarbene Plastikgitarren
aufgebaut. Das klassisch schwarz-weiß gekleidete Ensemble .General Noise. erweckte sie
nach und nach zu einer skurrilen Klangpoesie.

Seit ca. fünf Jahren beschäftigt sich Clarke mit dieser Art von Spielzeugmusik. Vor ihm
haben Cage oder auch Schnebel für solche Dinge komponiert. Die Dadaisten und später die
Wiener Gruppe bauten Spielzeug in ihre Soireen ein. Auch im Fluxus kam es vor.

Clarke, der in jüngeren Jahren eher von Marschmusik, Elvis und Jimi Hendrix schwärmte und
später von dem deutschen Komponisten Hans-Werner Henze beeindruckt war, ist Publikum
wie Interpreten sehr freundlich gesinnt. Aus möglichst billigen Mitteln, konkreten Klängen
und musikalischen Versatzstücken bastelt er eine direkte, volksnahe Musik, die zum
anschauen, anfassen und selber machen ist. Dem musikalische Mainstream, der für Clarke wie
ein großer Supermarkt zu sein scheint, bläst er dabei wie allem Etablierten frech ins Gesicht.

O-Ton Jeremy Clarke:
Naja, weil diese gängige Art Musik zu machen, sehr festgefahren ist. Es gibt entweder
Popmusik, die arbeitet mit den gleichen klanglichen Klischées und die klassische oder neue Musik ebenfalls. Und also dazusitzen mit nem Blatt rumzukruschteln oder mit ner Bierdose und für sich son eigenes Konzert zu schaffen, das ist viel interessanter und ist auch ein viel direkteres Erlebnis. Und vielleicht aus dem heraus war das ne Idee zum einen Geschichten zum Ausdruck zu bringen, mit primitiven Mitteln möglichst. Weil dieser Kult um teure Instrumente, oder der Hype um Spezielles, was zu allem Etablierten und Guten gehört langweilig ist, und auch nicht jedem zur Verfügung steht. Irgendwie aus dem heraus und aus Spaß natürlich.